Das Nalaga’at Kulturzentrum

Das weltweit erste taubblinde professionelle Theater

Ein persönliches Tagebuch von Adina Tal, Gründerin, Regisseurin, Präsidentin und Künstlerische Leiterin

Erinnerungen an 15 Jahre mit dem weltweit ersten und einzigen taub-blinden Theater.

Als ich 1999 angefragt wurde, einen Theater-Workshop für zwölf taub-blinde Menschen zu leiten, sagte ich zu für zwei Monate. Ich hatte keine Ahnung, dass dies der Beginn einer fünfzehn Jahre langen Reise sein würde. Einer Reise, die zur Etablierung des weltweit ersten taub-blinden Theaters und Kulturzentrums führte. Und eine Erfahrung, die mein Leben und das Leben vieler anderer Menschen grundlegend verändert hat.

Ich liebte die Herausforderung, ich liebte es, neue Möglichkeiten zu entdecken indem wir auf persönliche Stärken (abilities), nicht Behinderungen (disabilities) fokussierten. Ich liebte es, mit meinen Schauspielern eine neue Theatersprache zu entwickeln. Ich verliebte mich – und ich strich das Wort ‚unmöglich‘ aus meinem Vokabular – und begann die Arbeit.

Nalagaat Adina Tal

2002 bis 2005: Gründung und Etablierung Nalaga’at

Gemeinsam mit Eran Gur gründe ich Nalaga’at (bitte berühren) als Non-Profit Unternehmen, als Sozialunternehmen. Wir etablieren eine Bühne für die taub-blinde Theatergruppe.

„Adina Tal versteht das Potenzial des Theaters, jene zu erreichen die als unerreichbar gelten. Und sie setzt diese Einsicht mit Tat und ausserordentlicher Ausdauer in Realität um.“ – Elizabeth Bradley, Professor, NYU New York

Unser erstes Theaterstück ‚Light is heard in Zig Zag‘ wird beschrieben als ‚der überraschendste Hit im israelischen Theater‘. Die Theatergruppe tritt auf in Israel und auf internationaler Tour in Kanada, den USA und in der Schweiz.

2006 bis 2007: Der Traum von unserem eigenen ‚Heim‘, Partnerschaften

Dank unserer grossen ersten Erfolge finden wir Partner in der ganzen Welt, die uns auf unserer Reise unterstützen (Schweizer Freunde des Nalaga’at wird gegründet), und nach langer Suche finden wir ein altes Lagerhaus im Hafen Jaffa, das wir von der Armenischen Kirche mieten können. Das National Insurance Institute, das Ministry of Social Services und das Ministry of Culture unterstützt uns.

Wir erneuern das Gebäude während der Proben für unser nächstes Stück ‚Not by Bread Alone‘.

Im Dezember 2007 eröffnen wir das Nalaga’at Kulturzentrum mit Theater, Kaffee und Restaurant.

Unser neues Kaffee ‚Kapish‘ wird betrieben von hörbehinderten Menschen. In unserem neuen Restaurant ‚Blackout‘ werden die Gäste in vollkommener Dunkelheit von blinden Kellnern bedient, die wir auch in Nalaga’at ausbilden.

Nalagaat Not by bread alone

2008 bis 2014: Alltag und Weiterentwicklung, keine Sekunde Langeweile, die Suche nach neuen Wegen der Kommunikation geht weiter

Das Nalaga’at Zentrum wird zu einem Ort voller Leben. Menschen von überall aus der Welt sind neugierig und schauen sich unser Projekt an.

Wir legen viel Wert darauf, dass die Kellner in unserem Kaffee und Restaurant Möglichkeiten zur persönlichen Weiterentwicklung haben, dass sie sich beispielsweise zu Schauspielern ausbilden lassen können. ‚Give a Sign‘ ist unser Zeichensprache-Workshop. ‚Prince Rooster‘, unser Theaterstück für Kinder, entsteht.

Hörbehinderte Kellner leiten Workshops in Zeichensprache, sehbehinderte Kellner leiten Töpfer-Workshops im Dunkeln. Unser Kapish Kaffee wird für Anlässe gemietet.

Während dieser Zeit sind wir mit ‚Not By Bread Alone‘ auf internationaler Tournee in London, Südkorea, Australien, New York, Washington, Cleveland und Boston in den USA. Wir gründen eine zweite Gruppe taubblinder Schauspieler und beginnen mit der Ausbildung, formen eine Gruppe und finden neue Wege der Kommunikation.

„Adina Tal und ihre Schauspieler haben ein Stück geschaffen, das unter ‚normalen‘ Bedingungen eindrücklich anzusehen wäre – um so ausserordentlicher ist dieses Stück unter den tatsächlichen Gegebenheiten.“ – WHATSONSTAGE, Honour Bayes

Wir ziehen alle am selben Strick, Juden, Muslime, Christen, weil wir daran glauben, dass wir unsere Realität und unsere Welt zum Besseren ändern können.

Das Nalaga’at entwickelt sich schnell zu einem der wichtigsten Kulturzentren und Institutionen in Israel mit grosser internationaler Ausstrahlung. Es ist das erste Kulturelle Sozialunternehmen seiner Art in der Welt, und generiert einen grossen Teil der Kosten mit regulären Einkünften.

Nalaga'at's actors in Prince Rooster

Heute: Was ich gelernt habe auf dieser Reise

Ich habe verstanden, dass es keine Grenzen gibt für den Geist.

Ich habe gelernt dass jeder das Recht hat und die Pflicht, der Gesellschaft etwas zurückzugeben, und dass dies der einzige Weg ist, Teil der Gesellschaft zu werden.

Ich habe verstanden, dass es nicht spezielle Menschen mit ‚besonderen Bedürfnissen‘ gibt – wir haben alle ‚besondere Bedürfnisse‘.

Ich habe erlebt und gesehen, dass wir mit Nalaga’at zwei Revolutionen ausgelöst haben; die eine bei den Mitarbeitern und Akteuren, und die andere Revolution bei den hunderttausenden Zuschauern und Besuchern unseres Zentrums. Bei Nalaga’at geht es nicht nur um Taub-blinde Menschen – es geht um unsere menschlichen Schwächen und Stärken, es geht um unsere eigene Unvollkommenheit. Wenn wir unsere eigene Unvollkommenheit akzeptieren lernen, können wir die Menschen um uns herum besser akzeptieren. Dies sehe ich heute als den ersten Schritt hin zu einer Veränderung unserer Gesellschaft.

2014 habe ich mich entschieden, Nalaga’at zu verlassen, weiterzugehen und neuen Träumen und Ideen zu folgen. Und meine Erkenntnisse und Erfahrungen mit anderen zu teilen in meinen Workshops und Vorträgen ‚Jede Wand hat eine Tür‘.

Quotes

Adina Tal und ihre Schauspielerinnen und Schauspieler von Nalaga'at führten ihre bahnbrechenden Theaterstücke rund um die Welt auf, wo sie hunderttausenden Zuschauern in einem unvergesslichen Erlebnis vermitteln: Es geht nicht um Behinderungen und Einschränkungen, sondern um Möglichkeiten und Stärken.